Nach den Wahlen im Iran, die Präsident Ahmadinedschad mit überwältigendem Vorsprung gewann, wurden sowohl im Iran als auch in der westlichen Presse Stimmen laut, die Wahl wäre gefälscht. Durch die Propaganda der Verlierer und der westlichen Medien fühlten sich viele Iraner angestachelt, einige rochen auch sicher die Chance, der Gegenwart ihren Stempel aufzudrücken und die Regierung zu stürzen. Viele protestierten in Teheran gegen die Wahl und forderten eine Neuauszählung oder gar Neuwahlen.
Der überwältigende Teil des Irans blieb allerdings ruhig. Die kurz aufgeflammten Proteste sind mittlerweile wieder abgeflaut, wohl auch wegen des teils harschen Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen nicht erlaubte Demonstrationen. Eine Revolution hätte Rückhalt im Militär und den Milizen sowie Teilen des Establishments gebraucht, um sich durchzusetzen. Nichts davon war dem Versuch beschieden, der sich in den letzten Wochen im Iran abspielte.
Über die Wahl selbst wurde in der deutschen Presse tendenziös bis hin zur offenen Lüge berichtet. Eine Wahlfälschung in dem Ausmaß, dass ein so hoher Vorsprung statt einer Niederlage herauskommt, ist im Iran schlicht unmöglich, wie der angloamerikanische Thinktank Stratfor ausführt (sicher keine friedliebenden Iran-Fans): “We continue to believe two things: that vote fraud occurred, and that Ahmadinejad likely would have won without it.” Es ist davon auszugehen, dass an einigen Stellen Wahlfälschung betrieben wurde (wohl von allen Parteien), dies aber keinen nennenswerten Einfluss auf das Wahlergebnis hatte. Außerdem wäre ein so weitreichender Betrug nicht kampflos vom wehrhaften iranischen Volk aufgenommen worden – der Aufstand hätte auf mehrere Regionen übergegriffen. Doch nichts davon war zu sehen. So ist anzunehmen, dass die Verlierer um Moussavi die Entrüstung und Enttäuschung der Menschen aus den reicheren Vierteln Teherans zum Anlass genommen haben, Wahlfälschung zu vermuten. Dadurch dass so schnell nach der Wahl eine “Farbenrevolution” ausgerufen wurde, könnte man auch auf eine verdeckte Beteiligung der CIA bzw. der USA schließen, wie dies bei der “Orangenen Revolution” der Ukraine oder der “Rosenrevolution” Georgiens der Fall war. Noch ist in dieser Richtung allerdings nichts bewiesen, aber es bleibt spannend.
Wie damals im Falle der Fehlübersetzung seines Zitats, Israels Besatzungsregime müsse Geschichte werden (”muss von den Tafeln der Zeit verschwinden”), das die westliche Presse umdichtete in einen antisemitischen Vernichtungswillen. Selbst wenn klar wird, dass man völlig am Ziel vorbeigeschossen hat, wird munter weiter Dichtung statt Wahrheit geschrieben.
So auch jetzt: Zur Amtseinführung von Ahmadinedschad wollte dieser dem geistigen Oberhaupt Chamenei einen Handkuss geben. Chamenei zog seine Hand aber zurück, worauf Ahmadinedschad ihm die Schulter küsste. Die westliche Presse nahm diesen Vorfall als willkommenen Anlass, gegen Irans Regierung zu hetzen, und erging sich in Spekulationen über Zerwürfnisse in der iranischen Staatsführung.
Dabei ist die Sache ganz anders, wie muslim-markt.de ausführt: Der Handkuss ist ein Zeichen höchsten Respekts. Bei seiner ersten Amtseinführung küsste Ahmadinedschad dem Oberhaupt noch die Hand und dieser ließ ihn gewähren. Nachdem er sich nun in seiner ersten Amtszeit Verdienste erworben hat, wollte Chamenei ihn nicht mehr diese unterwürfige Geste vollführen lassen und zog deswegen seine Hand zurück. Es handelt sich hierbei also um ein Zeichen, dass der Kusswillige auf der selben Stufe steht und diese respektvolle Geste unnötig ist. Da Ahmadinedschad trotzdem seine Ehrerbietung zeigen will, küsst er den geistigen Führer auf die Schulter. Dieses Ritual ist laut Muslim-Markt gängige Praxis in vielen islamischen Gesellschaften und zum Beispiel im familiären Umfeld durchaus üblich, bspw. gegenüber Vater und Onkel.
Wieder zeigt sich die völlige Ahnungslosigkeit der westlichen Presse, die zu mehr als dummer Häme nicht fähig scheint. Außerdem wird wieder mal die infame Hetze aufgezeigt, mit der gegen unliebsame Personen vorgegangen wird. Anscheinend sind sich die Schreiberlinge für nichts zu schade. Außerdem wird wieder einmal die Ignoranz gegenüber dem Islam offensichtlich. Anscheinend hat sich keine Redaktion die Mühe gemacht, mal jemanden zu fragen, der sich mit der dortigen Kultur und dortigen sozialen Riten auskennt. Stattdessen findet sich in allen Leitmedien diese Peinlichkeit (z.B. Spiegel, Welt, Deutsche Welle und etwas gemäßigter Bild und die SZ). Beim Artikel der DW ist der Mann auf dem Foto nicht mal Chamenei, sondern angeblich Parlamentspräsident Schahroudi (ich kann die zwei aber auch schwer unterscheiden).
Nur noch peinlich…

Es gibt schon einen Grund, wieso sich die Opposition nicht mit dem Angebot des Wächterrats zufrieden zeigte, 10% der Stimmen nochmal auszuzählen. Dabei wäre herausgekommen, dass A. 3% oder 5% weniger erhalten hätte, das hätte aber nichts an der Wahl selbst geändert.
Allerdings muss man natürlich auch sehen, dass auch vor der Wahl bezahlt und gelogen und gefälscht wurde, so dass die Leute ihre Stimmen für A. abgaben. Dennoch: er hätte die Wahl vermutlich so und so gewonnen, und hat sie auch gewonnen.
Bzgl. der Berichterstattung gebe ich dir Recht … gerade was die amerikanische Presse hier veranstaltet hat, ist unter aller Sau. Allerdings dürfen wir auch nicht schönreden, was im Iran passiert: mit Demokratie hat das nichts zu tun, und ich finde es sehr mutig von den vielen Hunderttausenden (!!!), die bereit waren, ihr Leben für eine gerechtere Welt zu riskieren.
Die Bilder sprechen für sich.
http://www.boston.com/bigpicture/2009/06/irans_disputed_election.html
Sicher, 10% klingt nach einem unlauteren Angebot. Aber ich schätze mal, dass die bei Wahlen die übliche Regelung haben, dass eine Neuauszählung nur dann stattfindet, wenn es nachweisbare Unregelmäßigkeiten gab. Alle Stimmen sind nie gefälscht worden. Wenn sich die Opposition die Mühe gemacht hat, bestimmte Unregelmäßigkeiten herauszufinden, dann könnte das an 10% hinkommen – wieso also dann nicht annehmen? Mir ist das nach wie vor schleierhaft, denn es muss klar sein, dass das die einzig legitime Chance ist. Durch Protest und Barrikaden eine Wahl zu gewinnen wäre um nichts besser als eine massive Wahlfälschung, sondern eher noch mehr zu verachten.
Ich denke auch, dass da von den Polizisten und Milizen gewaltig über die Stränge geschlagen wird. Das erinnert eher an einen Polizeistaat als eine Demokratie. Allerdings kann man von außen auch schwer sagen, wo nun die Randalierer und wo die friedlichen Protestanten sind. Medial kam ja wenig durch und wenn, dann war es deutlich gefärbt. Ich gebe dir recht, den Protestanten muss man auf jeden Fall Respekt zollen. Vom Engagement der Leute könnten sich die Deutschen gern ein Stück abschneiden.
Danke für die vielen Bilder, sehr guter Link!