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ZDF macht Front gegen Links

Der erste, der in der “Sommerinterview”-Reihe vom ZDF interviewt wurde, war Lafontaine von der Linkspartei. Das Interview ist deswegen bemerkenswert, weil es alle Elemente der Medienkampagne gegen die Linke zeigt. Der Interviewer Frey versucht gar nicht erst, neutral und objektiv zu wirken, sondern reitet auf den ewig gleichen Vorurteilen. Das Interview ist auch deswegen gut, weil Lafontaine zum ersten Mal die Medienbarriere anspricht, mit der die Linke zu kämpfen hat. Viel der restlichen Zeit wurde damit verplempert, dass Frey Lafontaine wiederholt vorwarf, er habe 1999 “hingeschmissen”. Anscheinend kann man beim ZDF nicht von Rücktritt sprechen, wenn ein Minister aus Überzeugung (Widerstand gegen deregulative Finanzpolitik und gegen den Kosovokrieg) seinen Hut nimmt. Wer es sich ansieht, sollte auch darauf achten, wie eklatant wenig über Inhalte gesprochen wird.

Aber damit nicht genug: Frey konnte es nicht damit bewenden lassen, das Interview völlig in den Sand zu setzen. Ein paar Tage danach posiert er triumphierend auf der Internetseite des ZDF und meint, er habe Lafontaine den Zahn gezogen – “Der Mythos Oskar verblasst”. Er stellt sich selbst als Opfer, als “Punching Ball” dar. Der Mann scheint tatsächlich zu glauben, seine Leser hätten das Interview nicht gesehen. Er beweist außerdem bemerkenswerte politische Unkenntnis für einen führenden Journalisten des ZDF. So schreibt er:

Außerdem grenzt Lafontaines Verteidigungsargument an Selbstgerechtigkeit, er habe wie kaum ein anderer 25 Jahre politische Verantwortung wahrgenommen. Die meisten anderen Spitzenpolitiker im Rentenalter, man denke an Kurt Beck im Nachbarland Rheinland-Pfalz, haben Ähnliches vorzuweisen – ohne die sich selbst und andere zerstörenden Brüche in Lafontaines Biographie.

Gerade bei Kurt Beck ist sehr wohl ein Bruch auszumachen, nämlich sein ungewolltes “Hinschmeißen” in der Bundespolitik aufgrund einer Intrige im SPD-Führungszirkel. Lafontaine können wenige deutsche Politiker das Wasser reichen, allein schon, was die politische Erfahrung angeht. Frey registriert weder im Interview noch im Artikel, dass er gegen die Realität chancenlos ankämpft.

Das Interview selbst möge jeder selbst bewerten anhand obiger Kriterien bewerten. Allein der Text reicht schon aus, um die manipulative Art von Frey deutlich zu machen. Die ersten beiden Absätze behandeln die Verhandlungen um den Drehort. Während beispielsweise Steinmeier an einem schönen alten Tisch vor traumhafter Aussicht hoch auf einer Almhütte in Tirol interviewt wird, muss sich Lafontaine an einen Tisch stellen, der genauso gut vor einer Pommesbude stehen könnte. Außerdem fand sein Interview inmitten der Saarbrückener Fußgängerzone statt – zwar ein schöner Ort, aber eher für ein kurzes Statement als für ein längeres Interview geeignet. Frey versucht trotzdem, sich auf Lafontaines Kosten zu profilieren und beschwert sich, dieser habe an landschaftlich reizendere Orte gewollt, um ihm den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Dann behauptet er, die Saarbrückener Bürger wären es gewesen, die Lafontaine ein “Hinschmeißen” attestieren. Ich sehe mal von der unsäglichen journalistischen Praxis ab, irgendwelche Bürgerbefragungen so zusammenzuschneiden, dass der Eindruck aufkommt, den man selbst vermitteln will. Die Behauptung ist schlicht falsch, denn es war für jeden Zuschauer erkennbar, dass Frey genau auf diesen Punkt kommen wollte und ihm der Rest des Interviews völlig egal war. Wie ein kleines Kind freut er sich darüber, mit seiner Impertinenz Lafontaine genervt zu haben (”das gelingt in einem Interview selten”). Er feiert seinen unterirdischen Stil als Enthüllungsjournalismus, als vermeintlichen Beweis eines wunden Punktes. Frey scheint völlig merkbefreit zu sein, dass es auch einfach sein könnte, dass sein Gegenüber gerne aktuellere Themen beim Sommerinterview 2009 behandeln möchte, und nicht haarsträubende Interpretationen der Geschehnisse im Jahr 1999.

Im Rest des Artikels macht er keinen Hehl mehr aus seinem Kreuzzug. Er bringt nochmal die uralte “Schweinejournalismus”-Affäre zur Sprache, wirft Lafontaine vor, er wäre nie mit seinem freiwilligen Ausscheiden aus der SPD zurechtgekommen (!), er könne kaum ruhig stehen und würde abschätzig und hochmütig lächeln. Frey wirft mit Dreck und hofft, es möge irgendetwas hängen bleiben. Es ist erschreckend, dass sich das ZDF für so eine Kampagne hergibt.

Wer dachte, mit einem Mal Nachtreten wäre es bei Frey auch wieder gut, hat sich getäuscht: Wenige Tage später erschien von ihm ein zweiter Artikel, diesmal unter dem Aufmacher “Die Behauptungen des Oskar Lafontaine”. Darin versucht er sich weiter (erfolglos) als Enthüllungsjournalist. Eine wirklich peinliche Nummer, die mich dazu verleitet hat, dem ZDF einen Leserbrief zu schreiben:

Die Partei Die Linke hat seit Jahren mit einer Medienbarriere zu kämpfen. Bisher konnte man den öffentlich-rechtlichen Sendern attestieren, zumindest den Schein der Objektivität und Neutralität zu wahren. Das Sommerinterview von Lafontaine schlägt dem Fass aber den Boden aus. Nicht nur, dass die Hälfte der Zeit auf das Jahr 1999 eingegangen wird, auch inhaltlich befanden sich die Fragen in seichtestem Gewässer. Soll die Interview-Serie der Politprominenz zu 20 Minuten Ruhm verhelfen oder sollte es nicht eher um Inhalte gehen?

Was mir und vielen anderen aber noch viel mehr aufstößt: Ihr Herr Frey beweist einen religiösen Eifer bei seinem Kreuzzug gegen Lafontaine. So hat er nicht nur unter “Wunder Punkt” auf den Seiten des ZDF gegen Lafontaine nachgetreten, sondern nun auch in einem Nachtrag noch vermeintliche Fakten geliefert bzw. vermeintliche Falschaussagen widerlegt. Ich frage mich, für wie dumm Herr Frey die Leser hält. Trotzdem möchte ich sie bitten, den wildgewordenen Pitbull zurückzupfeifen, denn anscheinend hofft er, dass von seinem Schlamm, den er wirft, doch irgendwas kleben bleibt.

In seinem neuesten Artikel behauptet er u.a. “Dazu bedarf es einer gründlicheren Recherche, besonders im Fall von Lafontaine. In der Sendung “Anne Will” hatte er behauptet, Angela Merkel habe “in Moskau studiert”, was sich anschließend auch als falsch herausstellte”.
Das ist falsch, denn Lafontaine meinte, Merkel habe in Moskau studieren _dürfen_. Es ist außerdem bekannt, dass Frau Merkel einen Studienaustausch nach Moskau mitmachte.

Desweiteren wirft er folgendes ins Feld: ” Im Sommerinterview behauptete Lafontaine auch, die Linken seien “die einzige Partei, die sich gegen die Rentenkürzung gewandt hat” – und ignoriert den (jüngst bei Union und SPD umstrittenen) Beschluss der Großen Koalition, eine Rentengarantie abzugeben – also das Versprechen, die Renten nicht zu kürzen, selbst wenn das Durchschnittseinkommen, bisher die Grundlage für die Rentenberechnung, fällt. Ergo: Es waren die Parteien der Großen Koalitionen, die den unter Gesichtspunkten der Generationengerechtigkeit und finanzpolitischen Nachhaltigkeit durchaus fragwürdigen Beschluss fassten, die Renten nicht zu kürzen.”
Auch hier hat Herr Frey nicht ordentlich zugehört. Der Linken geht es um reale Kürzungen, die zweifelsohne seit vielen Jahren die Rente schmälern. Die Inflation frisst die geringen Erhöhungen auf und so haben die Rentner von Jahr zu Jahr weniger. Eine Rentengarantie ist wahlkampftaktische Augenwischerei und keine Wendung gegen (reale) Rentenkürzungen.

Im nächsten Absatz zweifelt man fasst an Herrn Freys Intellekt, denn er schreibt: “Auf die Frage, ob er Frank-Walter Steinmeier das Kanzleramt zutraue, antwortete Lafontaine, er sei mit ihm “gut zurecht gekommen, als er Chef des Kanzleramts war”. Eine für Lafontaines Verhältnisse fast schmeichelnde Aussage, aber nicht korrekt. Steinmeier wurde nämlich, als Nachfolger von Bodo Hombach, erst am 7. Juli 1999 Chef des Kanzleramts. Da war Lafontaine schon fast vier Monate aus dem Finanzministerium ausgeschieden.”
Anscheinend fällt ihm gar nicht auf, dass ein gutes Verständnis zwischen Politikern auch dann möglich ist, wenn grade einer von beiden kein Amt bekleidet.

Dass unqualifizierte Arbeitnehmer in Luxemburg mit knapp unter 10 Euro bezahlt werden, hat Lafontaine auch erwähnt – auch das entging (möglicherweise absichtlich?) den Ohren des Herrn Frey.

Summa summarum möchte ich Sie bitten, einen solch parteiischen und manipulativen Journalisten nicht für solche Interviews einzusetzen. Ich denke, das ZDF nimmt über die GEZ-Gebühren genug Geld ein, um sich einigermaßen neutrale Moderatoren leisten zu können. Desweiteren bitte ich Sie, Herrn Frey auf seine journalistische Rolle hinzuweisen, deren Ethos eigentlich verlangen sollte, keinen Kreuzzug gegen einen Politiker bzw. eine Partei zu führen, so sehr sie ihm auch widerstreben mag. Und zu guter Letzt wäre es nett, wenn Sie ihm nahelegen, dass er als (ehemaliges?) Aushängeschild ihres Senders doch gründlicher recherchieren sollte, anstatt es nur zu behaupten.

Es überrascht selbst mich, dass solch offensichtliche Manipulationen auf kein größeres Medienecho treffen. Die meisten ziehen sogar kritiklos mit (natürlich allen voran die Springer-Presse, aber bei denen kein Wunder). Mich schockiert viel mehr, dass sich das ZDF für so eine billige Meinungsmache hergibt und jeden journalistischen Ethos fallen lässt. Es ist haarsträubend, dass solche Witzfiguren von den GEZ-Geldern bezahlt werden. Von den vielen Millionen sollte man sich eigentlich ordentliche Journalisten leisten können, die zumindest den Anschein der Neutralität wahren und sowohl für die Kulisse als auch für die Interviewfragen ein Händchen haben. Es wurde ja versprochen, dass Merkel, Steinmeier und die anderen Interviewpartner in ähnlicher Weise angegangen werden. Man darf gespannt sein, ob Westerwelle zur Steuerhinterziehung und Spendenskandal der FDP befragt wird, ob Merkel zu ihrer Vergangenheit in FDJ und möglicherweise Stasi befragt wird, ob Steinmeier zur Mithilfe beim Irak-Krieg befragt wird und Özdemir (?) zu seinen Verbindungen zu amerikanischen Lobbyorganisationen. Ich habe allerdings wenig Hoffnung.

Das einzig tröstliche ist die unbewusste Erkenntnis Freys, dass er nicht zu den anständigen Journalisten zählt. Es wäre gut, wenn sowohl er als auch das ZDF daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

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