Es ist nicht auszuhalten, was Oberst Klein derzeit vor dem Untersuchungsausschuss fabuliert. Noch unglaublicher ist die dezente Kritik(losigkeit) der Medien, die ihm auch noch jede krude Version eines Gewissenskonfliktes glauben. Seine Befragung beweist einmal mehr: In Afghanistan treibt eine Bundeswehr ihr Unwesen, die einzig damit beschäftigt ist, sich selbst über Wasser zu halten. Eine Demokratie gibt es nicht zu verteidigen, Schulen und Brunnen höchstens innerhalb der eigenen Lager und wer sich ansieht, wie die Opium-Ernte Jahr für Jahr schneller steigt, könnte auch auf noch unangenehmere Gedanken zum Sinn und Zweck des Einsatzes kommen.
Doch zurück zu Oberst Klein, der am 4. September den Befehl zum Bombardement des Tanklastzuges bei Kunduz gab. Anscheinend hat er die seitdem vergangene Zeit nicht genutzt, um sich eine stringente Version seines Kriegsverbrechens auszudenken. Denn seine Darstellungen strotzen nur so von Widersprüchen:
Es sei unzweifelhaft gewesen, dass die Tanklaster eine akute Bedrohung für seine Soldaten, für das von ihm geleitete Provinz-Wiederaufbauteam (PRT) und für afghanische Sicherheitskräfte dargestellt hätten. Diese Gefahr habe er abwenden müssen. (SZ, 24.2.10)
Die Tanklaster seien eine unmittelbare Gefahr, meint er also heute. Oder doch nicht? Im selben Artikel wenige Absätze später:
Konkrete Anzeichen dafür, dass die Tanklaster bald wieder flottgemacht werden könnten, gab es auch nach Kleins Einlassungen im Ausschuss nicht. Er habe jedoch nicht abschätzen können, ob die Lastwagen sich bald wieder oder überhaupt irgendwann in Bewegung setzen würden. Im Licht dieser Lagebewertung könnte der von Klein empfundene Zeitdruck eine plausible Erklärung liefern, dass Klein um 01.50 Uhr Ortszeit den Befehl gab, zwei Bomben auf die Tanklaster abzuwerfen.
Abgesehen von der beinahe lustigen Kritiklosigkeit der SZ zeigt sich hier ein eklatanter Widerspruch: Es kann gar keine unmittelbare Gefahr oder akute Bedrohung bestanden haben, wenn gar nicht klar war, ob die Laster sich jemals wieder bewegen würden. Glaube aber keiner, dass das mit klaren Worten in irgendeiner Zeitung erwähnt würde… es ist ein Trauerspiel. Umso mehr, wenn man bei der SZ von “plausible Erklärung” liest.
Doch dabei bleibt es nicht. Klein und die SZ machen munter weiter mit der Märchenstunde:
Im Untersuchungsbericht der Nato zu Kundus wird Klein die Verletzung von Einsatzregeln vorgeworfen. So habe er die Anforderung von Luftunterstützung mit einer unmittelbaren Bedrohung und mit Feindberührung eigener Kräfte begründet. Beides war aber nicht gegeben. Klein legte dar, dass er nur mit dieser Begründung Luftunterstützung habe bekommen können. (…) Er sage jedoch, er habe die Regeln angemessen ausgelegt. Auch den Vorwurf, er habe es abgelehnt, die Entführer der Lastwagen durch warnende Tiefflüge (show of force) zu vertreiben, wies Klein zurück. Dass Flugzeuge in der Luft waren, habe jeder hören können, auch die Menschen auf der Sandbank. Im Übrigen hätten sich Taliban auch in anderen Fällen nicht von Tiefflügen beeindrucken lassen.
Im Spiegel dazu:
Klein hingegen sagte nun aus, der Vorschlag für die falsche Behauptung sei von seinem Fliegerleitoffizier gekommen.
Klein meint also, er habe die Regeln mit dem Herbeilügen einer Bedrohung verletzt, um Luftunterstützung zu bekommen. Gleich danach meint er, er habe die Regeln angemessen ausgelegt. Wenn schon die Logik fehlt, so muss man doch neidlos anerkennen, dass Klein schnelle Richtungswechsel astrein beherrscht. Und natürlich war er es sowieso nicht, sondern der böse untergebene Offizier. Ein Komiker scheint auch an ihm verloren gegangen zu sein. Oder wie soll man sich seinen Verzicht auf show of force erklären? Er erdreistet sich, einfach auf andere Fälle zu verweisen. Es scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen, dass es sich bei diesen Fällen um andere “Taliban” gehandelt haben könnte, und die jetzigen keine Ahnung haben, was dieser Tiefflug heißen soll oder schlichtweg nicht auf die Idee kommen, wegen Benzinklau in Fetzen zerbombt zu werden. Auch bezüglich dieser Sippenhaft keine Silbe der Kritik in den Zeitungen.
Und es geht munter weiter:
Klein versicherte mehrmals, dass er davon ausgegangen sei, dass sich nur Taliban und deren Helfer im Umfeld der Tanklaster aufgehalten hätten. Hätte er geahnt, dass Unbeteiligte und sogar Kinder auf der Sandbank waren, hätte er den Angriff nicht befohlen.
Der Spiegel berichtet dagegen:
Vehement verwahrte sich Klein gegen Vorwürfe, er habe die Gelegenheit der entführten Tanker genutzt, um gezielt Taliban zu eliminieren. “Ich verwahre mich gegen die Unterstellung, ich hätte töten wollen”, sagte er. “Nein, das wollte ich nicht.”
Konträr dazu die FR:
Seine Äußerung in einem Schreiben an Ex-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, er habe Fahrzeuge und Aufständische “vernichten” wollen, qualifiziert er als militärische Begrifflichkeit, die lediglich den Grad der Zerstörung betreffe, nicht aber ihr moralisches Motiv.
Dazu muss man wissen, dass es sowohl Luftaufklärung als auch einen Informanten am Boden gab. Jeder mit etwas Hirn und Augenlicht müsste fähig sein zu erkennen, dass es sich nicht um über 100 Taliban handelt. Hierzu die FR genauer:
Von afghanischen Zuträgern spricht er, die ihn über die Vorgänge am Kundus-Fluss informiert hätten. Über die scharfen Bilder des “Rover”-Übertragungssystems, die ihm einen guten Überblick über das Geschehen und die Möglichkeit gegeben hätten, die Angaben des Informanten zu überprüfen.
Es gab also scharfe Bilder und einen guten Überblick. Bei einigen erkannte der Offizier sogar Panzerfäuste, berichten andere Zeitungen. Ob man dann nicht erkennen kann, dass Kinder vor Ort sind? Schwer zu glauben.Die interessante Frage, ob Klein mutwillig die eigentlichen Fahrer der entführten Tanklastzüge geopfert hat, bleibt auch unbeantwortet.
Ein weiterer Widerspruch ist hier zu finden, denn zuerst geht es ihm nur um die Bedrohung durch die Tanklaster, und jetzt sind es auf einmal die Taliban, die es zu vernichten gilt. Auf diese Unklarheit weist auch der Oberbefehlshaber McChrystal im Untersuchungsbericht hin: “Er hat die Menschen als Ziel, nicht die Fahrzeuge”. Im Spiegel behauptet er, er hätte überhaupt nicht töten wollen, sondern nur die Fahrzeuge treffen wollen. Die waren aber, wie oben ausgeführt, schon bewegungsunfähig und somit ungefährlich. Es bleibt der Eindruck, dass hier jemand in unsäglich billiger Weise nach Ausreden sucht. Einerseits will er “vernichten”, andererseits niemanden töten, hat aber Menschen als Ziel. Alles klar!
Er befand sich außerdem im Leitstand der Task Force 47, einer geheimen Einheit mit Leuten aus Bundeswehr, BND und KSK. Diese Truppe ist anscheinend in gezielte Mordaktionen verwickelt und hilft den Amerikanern, eine Taliban-Hitlist abzuarbeiten. Wie sich diese Praxis mit dem Mandat oder mit irgendwelchen deutschen Gesetzen deckt, steht in den Sternen. Auch hier wird der Rechtsstaat wieder mit Füßen getreten.
Noch dubioser wird es, wenn man bedenkt, dass laut Leipziger Volkszeitung die Bombardierung zur Absicherung eines liegengebliebenen BW-Fahrzeugs diente. Oder wenn man anderen Quellen folgt, die nahelegen, dass Oberst Klein auf Weisung der Task Force handelte und durch deren selektive Information nun als Bauernopfer dasteht.
Abseits aller Spekulation bleibt zu konstatieren, dass elementare Menschenrechte durch diesen mörderischen Apparat außer Kraft gesetzt werden, dass dieser Einsatz völkerrechtswidrig ist und jeder weitere Tag dort nur noch mehr Elend und Tod bringen wird. Wir helfen dort niemandem außer den Amerikanern und deren Begründung ihres Engagements ist, gelinde gesagt, anrüchig. Von Afghanistan ging noch nie Terror aus, von den USA dagegen jede Menge. Wer sich ehrlich gegen Terror betätigen will, sollte mal darauf aufmerksam machen.
Der Afghanistaneinsatz ist und bleibt völkerrechtswidrig. Deutschland muss diese Mordkoalition verlassen und zu einer friedlichen Außenpolitik und zum Rechtsstaat zurückfinden, in dem nicht unliebsame Meinungen ausgeschlossen, sondern Leute wie Oberst Klein (und die ganze Clique, die die Bundeswehr dort hinschickt) als Kriegsverbrecher in den Knast wandern.

[...] Die Widersprüche des Oberst Klein [...]