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Vortrag von Jean-Claude Trichet (EZB)

Am Montag war ich Gasthörer bei einem Vortrag von Trichet, dem Chef der Europäischen Zentralbank, an der LMU. Trotz allen Selbstlobs war die Veranstaltung sehr interessant, da zwischen den Zeilen auch Überzeugungen durchblitzten und manch Detail wohl absichtlich nicht erwähnt wurde.

Anfangs sprach Hans-Werner Sinn vom ifo-Institut über die Erfolgsgeschichte des Euro und merkte an, dass die Euro-Inflation niedriger als die DM-Inflation sei. Das ist nach meiner Recherche korrekt. Er lässt natürlich die Berechnung der Inflation wohlweislich außen vor, denn die ist durchaus fragwürdig. Seine kritischen Anmerkungen zur Wirtschaftskrise und deren Gründe sollten wohl seine Wandlung vom Saulus zum Paulus unterstreichen, aber das kann ihm keiner abnehmen, der seine alten Aussagen kennt.

Anschließend ging Marc Beise von der Süddeutschen Zeitung (dort Leiter des Wirtschaftsressorts) ans Rednerpult. Sein kurzer Vortrag wäre nicht erwähnenswert, wenn ich mich nicht gewundert hätte, wieso er zu den Studenten in Deutsch redete und dann Teile für Trichet nochmal in Englisch übersetzte. Sein Englisch war dabei so grauenhaft und gestammelt, dass der werte Jean-Claude wenig davon verstanden haben dürfte. Beises Bemühungen hatten schon fast komödiantischen Charakter. Ein zuvor übersetzter englischer Text hätte ihm die Peinlichkeit sicher erspart.

Nun aber zu Trichet. Er startete mit der Behauptung, die EZB wäre seit den ersten Tagen der Krise (seit August 2007) aktiv am Gegensteuern und hätte damals schon 95 Mrd. Euro auf den Markt geworfen. Da sonst eher von einer reservierten EZB in den Medien die Rede ist, hat mich diese Aussage durchaus überrascht. Seine Prognosen für die kommende Zeit waren verhältnismäßig deutlich: Für 2009 erwartet er ein weiteres Absinken der Wirtschaftsleistung, das sich immer mehr verlangsamt. 2010 soll sich dann der Markt stabilisieren und im Verlauf des Jahres sollen dann wieder leichte Anstiege zu verzeichnen sein. Der Mann ist Optimist, angesichts von Billionen Euro in toxischen (mehr oder weniger wertlosen) Papieren. 2200 Banken hängen an der EZB, was den Zuhörern wohl verdeutlichen sollte, dass die EZB großen Einfluss nehmen kann. Allerdings sind die toxischen Papiere nicht nur bei Banken, die sich bei der EZB refinanzieren können…

Trichet sieht den Hauptzweck und Erfolg der EZB darin, die Währung und mittelbar die Preise stabil zu halten – vulgo der Inflation entgegenzuwirken. Angesichts des stabilen Euro ist die EZB dabei zweifellos erfolgreich, wenn man die Inflationsberechnung (siehe oben) mal außer Acht lässt. Oft wird behauptet, diese Handlungsmaxime behindere die wirtschaftliche Entwicklung. Dem hielt er entgegen, dass die Arbeitslosigkeit in Europa in den letzten 10 Jahren um 16 Millionen sank, während sie in den USA nur um 6 Millionen sank. Das ist auf den ersten Blick eine beeindruckende Statistik. Auf den zweiten Blick verliert sie stark an Wert, denn Europa wurde 2004 um einen großen Teil des Ostblocks erweitert. Die Ostblockstaaten, nach dem Fall der Mauer wirtschaftlich angeschlagen, fuhren in den letzten Jahren durch günstige westliche Kredite eine massive Aufbaupolitik, die selbstverständlich den Abbau von Arbeitslosigkeit nach sich zog. Vergessen darf man dabei aber nicht, dass das mit hohen Krediten erkauft wurde, die manche Länder inzwischen an den Rand des Ruins treiben (z.B. Lettland). Außerdem wurden grade in Deutschland sehr viele prekäre Jobs geschaffen, die zwar statistisch die Arbeitslosigkeit drücken, aber reell keinen Wohlfahrtsgewinn bringen. Eine niedrige Arbeitslosigkeitsrate ist immer weniger Ausdruck wirtschaftlichen Erfolgs, sondern Ausdruck statistischer Spitzfindigkeit und moralischer Bankrotterklärung.

Als Ursachen der Krise benannte Trichet 3 Dinge: Boni als falsche Anreize, unüberblickbare Komplexität der Finanzprodukte und zu geringe Eigenkapitalraten. Das ist zwar richtig (wenn auch nicht erschöpfend), aber ein alter Hut. Man möchte meinen, dass die EZB mehr Einfluss hat und solche Auswüchse abdämpfen oder verhindern kann. Das System läuft ja spätestens seit den späten 90ern so und vor 5 Jahren waren die Probleme schon klar erkennbar. Statt folgender Kritik wäre eine präventive Politik die bessere Wahl gewesen. Davon war aber weder im Vortrag etwas zu hören noch reell etwas zu sehen. Man muss also annehmen, dass die EZB so etwas nicht umsetzen will oder nicht umsetzen kann.

Die Krise schlug auf dem Interbankenmarkt schon im August 2007 durch. Interbankenzinsen gingen stark nach oben. Trotz diesem deutlichen Zeichen sprach man zu dieser Zeit in Deutschland von baldiger Vollbeschäftigung und florierender Wirtschaft. Unkenrufe wie z.B. von Roubini wurden als Panikmache verschrien. Ab September 2008 wurde die Krise dann offensichtlich, spätestens mit dem Zusammenbruch von Lehman. Laut EZB sind wir heute, nach einem “Hoch” der Krise im Dezember, wieder auf dem Niveau von September 2008 angekommen. Hier wird natürlich nur einseitig auf den Bankenmarkt geschaut und die Realwirtschaft vergessen. Die stürzt nämlich infolgedessen gerade drastisch ab. Laut Trichet war es gerade in Europa nötig, die Banken durch massive Staatshilfen und EZB-Kredite aufzufangen, da sich europäische Unternehmen zu 70% über Bankkredite finanzieren (zum Vergleich: USA 20%). Der Mittelstand, Motor der Wirtschaft, ist also den Banken auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Die EZB hat nun ein Programm mit dem Namen “Enhanced Credit Support” aufgesetzt, das folgende Maßnahmen enthält:

  • “fixed-rate full allotment”: Soweit ich verstanden habe, sollen Kreditraten für Immobilien auf ein bestimmtes Niveau festgesetzt werden.
  • “expansion of collateral”: Die EZB akzeptiert noch mehr private Sicherheiten der Banken. Die Zahl von 12,2 Billionen Euro stand da im Raum. Wenn ich ihn da richtig verstehe, heißt das, dass die EZB den Banken so gut wie alles abnimmt, was noch irgendeinen Wert hat (also auch Ramsch). Im Endeffekt liegt der Mist dann also bei der EZB – aus der Welt ist er dadurch aber nicht.
  • “longer-term liquidity provision”: Die EZB wirft nochmals 442 Milliarden Euro auf den Markt, damit die Banken endlich Kredite vergeben. Verbunden ist dies mit einem deutlichen Appell an die Banken. Mir kommt es eher wie ein Akt der Verzweiflung vor. Die Banken werden weiterhin wie die Glucken auf dem Geld sitzen und zu wenig an Kunden oder andere Banken leihen. Das Vertrauensproblem wird dadurch nicht angegangen.
  • “liquidity provision in foreign currencies”: Liquidität soll mit Fremdwährungen bereitgestellt werden, v.a. US-Dollar. Für diese Maßnahme wird mit der Federal Reserve (Fed) zusammengearbeitet. Das passiert in diesem Ausmaß zum ersten Mal, ein weiterer Hinweis darauf, wie verzweifelt man ist. Ich frage mich auch, ob das viel nützt. Man verteilt zwar das Risiko auf mehr Schultern, aber Amerika hängt selbst tief in der Krise und ist auf das Vertrauen der Welt in den Dollar angewiesen. Deswegen ist man wohl mit allen Mitteln darauf bedacht, dass andere Länder den Dollar als Leitwährung anerkennen. Saddam Hussein weiß zum Beispiel, was passiert, wenn man aus der Reihe tanzt.
  • “financial market support through purchases of covered bonds”: Die EZB kauft toxische, aber “gedeckte” (?) Anleihen auf, also laut Trichet zumindest solche, die auf längere Frist noch Wert haben. Wie oben schon angeführt wird das den Banken nur wenig helfen, da sie auf den wertlosen Papieren trotzdem sitzen bleiben und sie irgendwann abschreiben müssen. Da es nicht alle gleichermaßen trifft, aber keiner vom anderen weiß, wie hart es ihn trifft, bleibt das Vertrauensproblem bestehen.

Diese riesigen Maßnahmen müssen natürlich nach Ablauf der Krise zum richtigen Zeitpunkt wieder zurückgefahren werden und das überschüssige Geld vom Markt genommen werden, damit keine Inflation aufkommt. Trichet fügte hinzu, dass Vertrauen derzeit die knappeste Ressource ist und mit allen Mitteln in allen Bereichen verstärkt werden muss. Mein Eindruck ist, dass entgegen aller Vernunft versucht wird, das faulende System gesundzubeten anstatt zum Kern des Problems vorzudringen.

Im Anschluss an den Vortrag folgte ein kurzer Teil mit Fragen, gestellt von Herrn Sinn und verschiedenen Zuhörern. Sinn fragte zuerst, ob die EZB “Stress Tests” für alle Banken plane (imho ein sinnvoller Vorschlag, da mehr Transparenz wieder zu einem funktionierenden Interbankenmarkt führen könnte). Trichet meinte, die EZB selbst könne das nicht bewerkstelligen, fordere aber alle Staaten vehement auf, solche Tests durchzuführen. Die EZB diktiere nicht die Verhaltensregeln, sondern erwarte sie von den Teilnehmern. Übersetzt heißt das “das wird wohl nicht passieren” – heiße Luft. Sinn fügte auch hinzu, dass Peer Steinbrück gegen solche Tests sei, also Deutschland da wohl nicht mitziehen werde.

Trichet meinte auch, dass der Leitzins mittelfristig stabil bleibe. Auf die Frage, wie sich der “Enhanced Credit Support” auf die Realwirtschaft niederschlage, blieb er eine klare Antwort schuldig. Es wurde daher von einem Zuhörer vorgeschlagen, das Programm besser in “Enhanced Liquidity Support” umzubenennen. Das wäre tatsächlich ein treffenderer Name. Hier wird wieder deutlich, wie durch Namen schon Bedeutung geschaffen wird, die gar nicht da ist. Ein großes Problem ist auch, dass die Banken weniger Kredite von der EZB verlangen. Die EZB geht aber laut Trichet von einem “Supply Problem” aus, also dass es ein Problem mit dem Kreditangebot gebe. In meinen Augen widersprechen sich die beiden Aussagen, da ersteres ja ein Nachfrageproblem ist, kein Angebotsproblem.

Die letzte Frage kam zur Inflationsrate, die im Juni 2009 unter 0 sank (ergo Deflation). Trichet nannte das ein vorübergehendes Phänomen. Die Inflationsrate bleibe stabil zwischen 1.7% und 2%. Sein Wort in Gottes Ohr. Andere sind da weniger überzeugt als er. Mal schauen, wer recht behält.

Insgesamt war es ein sehr interessanter Vortrag, grade wenn man darauf schaut, was Trichet nicht erwähnt hat und zwischen den Zeilen gesagt hat. Ich habe versucht, so gut wie möglich die Aussagen wiederzugeben und meine eigenen Gedanken dazu niedergeschrieben. Gerade beim ECS-Programm bin ich mir nicht sicher, da er sehr viel mit Fachbegriffen um sich warf und ich als Fachfremder nicht so wirklich durchblickte. Die Stichworte sind deswegen extra angeführt. Abschließend hoffe ich, dass Trichet mit seinem Optimismus recht behält und die Krise so schnell überwunden ist. Aus den genannten Gründen bin ich da weit skeptischer.

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